Mein Pädiatrie-Praktikum absolvierte ich in KERPAPE (centre de rééducation et réadaptation fonctionnelles), einem großen Rehazentrum in der Bretagne. KERPAPE existiert seit 1917, wobei es bis 1959 ein Sanatorium für Tuberkulose Erkrankte war; die Umstellung als Rehazentrum fand 1960 statt. Seitdem arbeiten rund 700 Mitarbeiter:innen in einer 55 000 m2 große Einrichtung, umgeben von einem 265 000 m2 großen Park am Meer. Dort werden 500 Klient:innen behandelt, davon ¼ Kinder. In der Pädiatrie werden vor allem Kinder behandelt, die an Erkrankungen des Zentralen Nervensystems leiden (infantile Zerebralparese, Querschnittlähmung, Schädel-Hirn-Trauma, Hirntumor, entzündliche Hirnerkrankungen  wie z.B. Meningitis, Neuropathien, Myopathien, Schwere Epilepsie), aber auch welche, die nach orthopädischen Traumata eine Reha benötigen (Amputationen oder Schwerstverbrennungen). Die Kinder leben entweder vor Ort im Internat oder besuchen die Tagesklinik oder kommen von der hausinternen Frühreha; außerdem besuchen sie parallel zu ihren Behandlungen die dort-integrierte Förderschule. Die Kinder, die von der Tagesklinik oder von der Frühreha in die Ergotherapie kommen, sind zwischen Säuglingsalter und 20 Jahre alt; diejenigen, die vom Internat kommen sind zwischen 8 und 20 Jahre alt (mit einer Verlängerungsmöglichkeit bis 30).

 

Meine Aufgaben

Das Praktikum hat mir sehr gut gefallen: ich habe sehr viel gelernt und hatte vielfältige Aufgaben: Orthesen bauen, Rollstuhl-Anpassungen sowie Hilfsmitteln herstellen, Material für die Einrichtung herstellen, Assessments durchführen, Einzelbehandlungen durchführen und Gruppenangebot übernehmen. In Einzelbehandlungen mit den Kindern habe ich das Rollstuhltraining am Computer kennengelernt, sowie das Rollstuhltraining unmittelbar im Rollstuhl, ich konnte ADL Training anleiten: sowohl das Wasch-, An-und Ausziehtraining nach bzw. vor dem Schwimmbad, als auch das Kochtraining in der Ergoküche. Ich durfte vorhandene funktionelle Übungen kennenlernen und mir neue ausdenken, handwerkliche Techniken anbieten (Holz, Nähen, Malen…) und natürlich viel spielen. In Gruppenbehandlungen habe ich die Kochgruppe begleitet, die Graphomotorikgruppe zusammen mit der Klassenlehrerin, die Gruppe „Unterwegs in der Öffentlichkeit“ und zwei Sport-Gruppen: die Boccia-Gruppe und die Rollstuhl-Fußball-Gruppe. Dabei ging es vor allem um das Einsetzen individuell angepassten Hilfsmitteln, damit die Kinder ergonomischer (oder überhaupt) spielen können, was wiederum ihre Teilhabe ermöglicht und fördert.

Mich hat in KERPAPE die interprofessionelle Zusammenarbeit besonders beeindruckt: um ein Kind herum können bis zu 15 Personen rund um die Uhr arbeiten (Ärzt:innen, Ergotherapeut:innen, Logopäd:innen, Physiotherapeut:innen, Orthoptist:innen, Psychomotoriker:innen, Psycholog:innen, Neuropsycholog:innen, Orthopädietechniker:innen, Hilfsmittelingenieur:innen, Lehrer:innen, Erzieher:innen, Pfleger:innen, Sozialarbeiter:innen), die gemeinsam die Ziele des Kindes verfolgen, viel zusammen kommunizieren müssen, manchmal sogar zu zweit oder zu dritt (oder zu viert!) die Therapie gestalten. Dadurch war ich oft in der Einrichtung unterwegs, um mit all den Berufsgruppen zu arbeiten. Ich habe ein paar Berufe kennengelernt, von den ich mich gefragt habe, ob sie in Deutschland eigentlich existieren (Psychomotoriker:in?). Diese Unterschiede liegen an der jeweiligen landesspezifischen Geschichte der Medizin und der einhergehenden therapeutischen Berufe. Unter dem Strich werden ähnliche Leistungen erbracht, aber in einem anderen Gesundheitssystem (z.B. hat sich herausgestellt, dass in Deutschland die Ergotherapeut:innen selber die Leistungen der französischen Psychomotoriker:innen in der Pädiatrie leisten).

 

Frankreich/Deutschland, Nachbarländer?

Ich konnte viele Unterschiede in der Ausübung der Ergotherapie erkennen und gleichzeitig konnte ich die Quintessenz des Berufes gut spüren, indem ich feststellen konnte, was definitiv zur Ergotherapie gehört, auch in einem anderen Land. Definitiv zur Ergotherapie gehören das Herstellen von und die Beratung für Hilfsmitteln und der Fokus auf die Betätigungen des täglichen Lebens. Die französischen (bzw. „KERPAPEische“) Ergotherapeut:innen waren absolute Experte in der Rollstuhltechnik und in der Hilfsmitteltechnik. Ein Drittel der Arbeit in der Pädiatrie besteht darin, Adaptationen zu bauen, sowohl für die Rollstühle, als auch für das tägliche Leben. Und das Erste, was die Ergotherapeutin im Team in jeder Hand gedrückt bekommt ist: ein Bandmaß und einen Inbusschlüssel-Satz! Ein wichtiger Teil der Räumlichkeiten ist dementsprechend der Maschinen- und Material-Raum, wo Plastik, Holz, Schaumstoff und Stoff aller Arten, sowie Nähmaschine und größere Werkzeuge und Maschinen sich befinden. Diese technische Komponente erschien mir größer als in Deutschland (zumindest größer als den Anteil davon in der deutschen Ausbildung). Auch die Therapieansätze waren in der Pädiatrie anders. Keine von den vier Ansätzen, die ich in der Ausbildung gelernt habe (SI, Verhaltensorientierung, CO-OP und Affolter) waren in der Ergotherapie dort repräsentiert. Dies liegt vor allem daran, dass diese Ansätze in Frankreich vielmehr von den Psychomotoriker:innen angewendet werden. Die Ergotherapeut:innen in der Pädiatrie in KERPAPE benutzen eher die gleichen Ansätze, wie für Erwachsene in der Neurologie, Orthopädie und Traumatologie, nur mit einem spielerischeren Charakter. Das ADL-Training in echten Situationen spielt eine große Rolle, sowie die Durchführung bimanueller Aktivitäten (durch Spiele oder kleine Handwerke). Dies liegt aber auch daran, dass KERPAPE eine Einrichtung für eine andere Klientel ist (neurologische Schwerbehinderungen), als die pädiatrische Klientel der deutschen Praxen. Anders als in Deutschland gibt es im Übrigen in Frankreich kaum Ergo-Praxen.

Auch im Bereich Assessments konnte ich Unterschiede feststellen. KERPAPE arbeitet viel mit dem MOHO für die Erfassung seiner Klient:innen; dadurch werden dessen Assessments – genau wie in Deutschland – angewendet. Aber ansonsten: außer dem COSA war kein einziges typisch in Deutschland in der Pädiatrie durchgeführtes Assessment von dem dortigen Ergoteam bekannt. Auch hier liegt es an der Trennung der Berufe „Psychomotorik“ und „Ergotherapie“: anscheinend werden ET-6-6-, M-ABC-, BOT- und Sensory-Profile- ähnliche Assessments durchgeführt, aber ausschließlich von der Psychomotorikerin. Die Ergos führen motorisch-funktionelle und neuropsychologische Tests durch (Nine Hole Peg Test, Box and Block Test, Purdue Pegboard Test) oder Pädiatrie-typische Assessments, die ich aus Deutschland nicht kannte: das „AHA“ (Assisting Hand Assessment – funktionsorientiert für Hemiplegie), das „BOHA“ (Both Hands Assessment – funktionsorientiert für IZP), das „Abilhand Kids“ (Handeinsatz bei ADL – betätigungsorientiert für IZP). Auch das ManOS (für das Benutzen schulischen Werkzeugs) war mir nicht bekannt. Wenn ich ein Assessment aus Frankreich mitnehmen würde, wäre es das OT’Hope. Es geht um ein betätigungsorientiertes Assessment, um Ziele zu formulieren, dem COPMaKids ähnlich. Wie im COPMaKids werden die Items in drei Kategorien erfasst (Selbstversorgung, Produktivität, Freizeit), aber im Gegensatz zum ernst gefassten COPM (in Form einer Tabelle) ist das OT’Hope mit bunt gemalten Kärtchen gestaltet. Ich habe in Deutschland noch kein so ansprechendes und kindergerechtes betätigungsorientierte Assessment kennengelernt.

Durch das Feststellen dieser vielen Unterschiede, aber auch all unserer Gemeinsamkeiten, hat sich mein Blick über die Ergotherapie erweitert und gefestigt und ich habe viel an interkulturelle Kompetenz gewonnen.

Danke an KERPAPE für diese fantastische Erfahrung, danke an die Wannseeschule, mir diese Gelegenheit ermöglicht zu haben, und merci an Erasmus+ für die Finanzierung!

Sarah RAQUILLET

 

Quellen

  • Erstes Bild:© KERPAPE
  • Andere Bilder: © Sarah Raquillet
  • OT’Hope: Outil Thérapeutique pour l’autodétermination d’Objectifs Pédiatriques en Ergothérapie dans le cadre d’une pratique centrée sur la personne et sur l’occupation von Caroline GIRAUX und Alexandra PERRAULT (2018)